Weibergeschichten, Teil 4 - BETÜL
Ich lerne Betül beim Yoga kennen. Wenn sie den Raum betritt, umgibt sie ein Strahlen. Betül leuchtet von innen, sie strahlt eine Wärme, Herzlichkeit und auch eine natürliche Direktheit aus, die ich als unglaublich erfrischend und wunderschön empfinde.
Kein Wunder bei diesem Namen, er bedeutet auf Deutsch die Reine, die Unschuldige.
Irgendwann kommt sie ein paar mal nicht zum Yoga und als wir uns beim nächsten Mal wiedersehen , erzählt sie sie hatte die letzten Wochen Nachtschicht und konnte deshalb bei unserer Yoga Abendstunde nicht dabei sein. Ich frage sie, was sie beruflicht macht.
Die Antwort: “Ich bin Erzieherin im Münchner Waisenhaus.” Wow! Ich habe unglaublich großen Respekt vor dieser Arbeit mit kleinen Kindern und jungen Menschen, die im Leben nicht den Start bekommen, den man sich für jeden Menschen immer wünscht und vorstellt und denke mir, was für ein Glück für die Kinder, die von ihr betreut werden.
Bei unserem Shooting erzählt Betül mir ein bisschen aus ihrem Alltag und schnell wird klar: Dieser Beruf ist für sie nicht einfach nur ein Job, sondern eine HERZENSentscheidung.
Schon seit 2009 arbeitet sie mit Kindern, zunächst als Kinderpflegerin. Den Wunsch, Erzieherin zu werden und später in einem Kinderheim zu arbeiten, trug sie jedoch schon lange in sich. Der entscheidende Moment kam, als sie in ihrer damaligen Hortgruppe die Inobhutnahme eines Mädchens begleitete, das sie bereits seit der Krippenzeit kannte. In diesem Augenblick wusste sie: Jetzt ist die Zeit gekommen, diesen Weg zu gehen.
Heute arbeitet sie in der Münchner Einrichtung mit Kindern im Alter von ein bis sechs Jahren. Kindern, die oft schon in jungen Jahren Erfahrungen machen mussten, die niemand einem Kind wünschen würde. Umso wichtiger ist es ihr, ihnen einen Ort zu bieten, an dem sie Sicherheit, Stabilität und Verlässlichkeit erleben dürfen. Einen Ort, an dem sie aufgefangen werden, Struktur kennenlernen, Vertrauen schöpfen und einfach Kind sein dürfen.
Wenn Betül darüber spricht, merkt man sofort, was sie antreibt. Es sind nicht große Erfolge oder besondere Momente, sondern oft die kleinen Dinge: ein Lächeln, ein Funken Vertrauen, das Gefühl, einem Kind Geborgenheit vermitteln zu können. Genau darin findet sie Sinn und Erfüllung.
Doch zu ihrem Beruf gehört auch eine Seite, die sie herausfordert. Über Monate, manchmal sogar über ein Jahr oder länger, begleitet sie Kinder sehr intensiv. Dabei entstehen Bindungen, Vertrauen und viele gemeinsame Erinnerungen. Irgendwann kommt jedoch der Moment, in dem die Kinder ihren Weg weitergehen und Abschied genommen werden muss. Das ist für sie ein zweischneidiges Schwert: Einerseits freut sie sich darüber, dass die Kinder den nächsten Schritt gehen können und neue Lebensperspektiven erhalten. Andererseits fällt ihr das Loslassen nicht immer leicht, weil ihr die Kinder in dieser gemeinsamen Zeit ans Herz wachsen. Gerade diese Mischung aus Nähe und Abschied macht ihren Beruf emotional und besonders.
Besonders schätzt sie auch die Vielfalt in ihrem Arbeitsalltag. Die unterschiedlichen Kulturen, die Begegnungen mit den Kindern und ihren Familien sowie der Austausch mit ihren Kolleginnen bereichern sie jeden Tag aufs Neue. „Die Menschen, die im Heim arbeiten, haben einen ganz besonderen Spirit“, erzählt sie mir. Und während sie das sagt, glaube ich sofort zu verstehen, warum sie sich dort so angekommen fühlt.
Alle die Betül und ihre Kolleginnen und Kollegen in dieser für unsere Gesellschaft so wichtigen Arbeit und Aufgabe unterstützen möchten, sei es durch ehrenamtliche Tätigkeit, Geld-oder Sachspenden, können sich hier orientieren: